Bäume und ihre Bedeutung

Baum war, ist und wird in vielen Zivilisationen, Kulturen und Religionen – sei es als Pflanze oder mythologisches Symbol – ein bedeutendes Objekt der Verehrung sein. Er war zugleich ein Ort für verschiedenste Zeremonien, Gebete und Meditationen, die das alltägliche spirituelle Leben vieler Kulturen, Stämme und Völker auf der ganzen Welt begleiteten. Diesen Pflanzen wurde ein tiefer spiritueller Sinn und häufig auch heilende Kraft zugeschrieben.

Immergrüne Bäume wurden als Sinnbild für Fruchtbarkeit, Unsterblichkeit oder Wiedergeburt angesehen. In ihrem tieferen geistigen Verständnis erhielten Bäume noch höhere Bedeutungen und Funktionen. Eine davon war die Rolle der Weltenachse – axis mundi (→ Weltenbaum). Mit ihr wurde auch die Zeit in Verbindung gebracht, etwa in der Steinzeit das Wechselspiel zwischen Sommer- und Wintersonnenwende. Schließlich galt der Baum als Verbindung zwischen der irdischen und der himmlischen Welt, als Ort der „höheren Eingebung“ oder als Quelle unendlicher Weisheit und Erkenntnis (→ Baum der Erkenntnis).

Diese traditionellen Aspekte des heiligen Baumes finden sich in unterschiedlichsten Formen – vor allem in der Mythologie, aber auch in vielen Weltreligionen, sowohl polytheistischen als auch monotheistischen.


Weltenbaum

Der Weltenbaum, auch Baum der Welt, kann als die grundlegende Bedeutung des heiligen Baumes betrachtet werden. Dieser Aspekt erscheint am häufigsten in Schöpfungsmythen. Er wurde verehrt als Verbindung zwischen der irdischen und der himmlischen Sphäre oder sogar als Wohnsitz göttlicher Wesen. Bäume wurden dadurch zu idealen Orten für Zeremonien, Rituale, Gebete, Weissagungen, Meditationen oder Versammlungen.


Baum der Erkenntnis

Der Aspekt des Baumes der Erkenntnis geht wahrscheinlich aus dem des Weltenbaumes hervor. Dadurch wurden Bäume oft als Orte der Erleuchtung bezeichnet, an denen unermessliches Wissen und tiefe Weisheit erlangt werden konnte.

Im Christentum und Judentum erscheint der Baum der Erkenntnis in der Form des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse, der zur Ursache der Erbsünde und des Falls der ersten Menschen (Adam und Eva) wurde.


Baum des Lebens

Der dritte traditionelle Aspekt ist der Baum des Lebens, der verschiedene Bedeutungen in sich vereint. Grundlegend steht er für den Baum als Quelle lebensspendender Nahrung, gesunder Früchte, von denen selbst die Götter leben, und als wichtigen Rohstoff – das Holz. In unserem Fall ist der Baum ein Symbol der Wiedergeburt unserer Liebsten.


Keltische Mythologie

In der keltischen Mythologie und im keltischen spirituellen Leben genossen Bäume große Verehrung. Ganze keltische Stämme benannten sich nach Bäumen, und viele Orte im heutigen Vereinigten Königreich und Irland leiten ihre Namen ebenfalls von Baumarten ab.

Mit den Bäumen werden vor allem die keltischen Priester – die Druiden – in Verbindung gebracht. Der römische Philosoph Plinius der Ältere vermutete, dass ihr Name vom griechischen Wort „drys“ (Eiche) stammt. Er schrieb:
„Die Druiden halten nichts für heiliger als die Mistel und den Baum, auf dem sie wächst, sofern es eine Eiche ist.“
Aufgrund dieser Überlieferung verband man die keltischen Geistlichen hauptsächlich mit diesem Baum.

Für ihre vielfältigen Aktivitäten wählten die Druiden vor allem die heiligen Haine – bei den Kelten Nemeton genannt (nach der keltischen Göttin Nemetona). In diesen oft abgelegenen Orten führten sie nicht nur Opferhandlungen und Rituale durch, sondern auch Unterricht.
„Man erzählt, dass sie dort zahlreiche Verse auswendig lernen. Die Druiden und ihre Schüler glauben, dass es nicht richtig sei, das Gelernte schriftlich festzuhalten.“
(Gaius Julius Caesar, Commentarii de bello Gallico)

Ein bemerkenswertes Element druidischer Weisheit war die sogenannte Baum-Alphabet-Schrift – Ogham (Ogam).


Nordische Mythologie

In der nordischen Mythologie, die von den germanischen Stämmen Skandinaviens überliefert wurde, wurde der Weltenbaum Yggdrasil verehrt. Er wurde als immergrüne, mächtige Esche (bzw. Eibe) beschrieben.
Yggdrasil stellte einen riesigen, die gesamte Welt umfassenden Baum dar, der sich von den Unterwelten (Helheim, Svartálfheim) über die irdischen Reiche (Niflheim, Múspellheim, Jötunheim, Vanaheim, Midgard) bis zu den himmlischen Welten (Ásgard, Álfheim) erstreckte und alle neun Welten der nordischen Kosmologie miteinander verband.

An seinen Wurzeln befanden sich drei Quellen, die den Baum nährten: die Quelle Elivágar in Niflheim – zwölf eisige Ströme, Mímirs Brunnen in Jötunheim – Quelle aller Weisheit, und der Brunnen Urd in Ásgard, bewacht von den drei Nornen Urd, Verdandi und Skuld.

Yggdrasil war von zahlreichen mythischen Wesen umgeben. In Midgard schlang sich die Weltenschlange Midgardsormr um die Welt und biss sich in den eigenen Schwanz (→ Uroboros).
Die Wurzeln des Baumes wurden unablässig vom Drachen Nidhogg angenagt.
Zu den weiteren Bewohnern gehörten der Adler Vidofnir (auch als Hahn beschrieben) in den höchsten Ästen und das Eichhörnchen Ratatosk, das unaufhörlich beleidigende Botschaften zwischen dem weisen Adler und dem Drachen hin- und hertrug.


Jungsteinzeit (Neolithikum)

In der Urgeschichte, insbesondere in der Neolithischen Periode, wurde der Baum vor allem mit der Zeit in Verbindung gebracht.
Für die damaligen Menschen bedeutete Zeit den Wechsel von Tag und Nacht, Mondphasen und Sonnenjahr. Sie erkannten bald die beiden Extrempunkte dieser Zyklen – die sich jedes Jahr wiederholten: die Wintersonnenwende (die längste Nacht und der kürzeste Tag) und die Sommersonnenwende (der längste Tag und die kürzeste Nacht). Diese Punkte teilten das Jahr in eine zunehmende und eine abnehmende Hälfte.

In dieser Zeit entstand das universelle Symbol des sogenannten Sonnenrades oder Sonnenkreuzes.

Dieses Symbol besteht aus einem Kreis mit zwei Achsen (vertikal und horizontal). Sie bilden vier Punkte, die sowohl die Sonnenwenden als auch die Tagundnachtgleichen (Frühling und Herbst) darstellen.